Driving/Telling, 2007
Installation
Video, 5-Kanal, Ton
Sprache: Arabisch
Untertitel: Englisch
Übersetzung: Shahira Eissa

Text: Rayelle Niemann
Eine Fahrt im Taxi ist in Kairo unumgänglich, es ist eine Selbstverständlichkeit, sich so von Ort zu Ort zu bewegen. Eine Fahrt im Taxi verbindet den Fahrer und den Gast für eine begrenzte Dauer in einer fahrenden Zeitkapsel, die oft die Atmosphäre eines privaten Raumes hat. Der Teppich auf dem Armaturenbrett, vom Rückspiegel baumelnde Gebetsketten, Abziehbilder von Mekka am Handschuhfach, Fotos der Kinder zwischen Kleenex und Plastikblumen zeugen vom Leben des Fahrers. Koranrezitationen, klassische arabische Musik oder Pop schallen einem beim Einsteigen entgegen und runden akustisch diese kleine Einheit ab, die für den Fahrer während tagtäglichen endlosen Stunden ein Zuhause ist.
Die Stadt zieht vorbei. Der Blick aus dem Fenster gleicht einem Film, der den Titel Mega City trägt und in dem Szenen widersprüchlichster Art aufeinander folgen.
Vorstellungskraft und Phantasie malen kräftige Farben zwischen und auf das Braun der Häuser, hauchen den wuselnden Menschen Geschichten ein. Ein Aufbäumen gegen eine abweisende
urbane Architektur, gegen die Unmöglichkeit, Millionen von Leben zu erfassen. Kairo lässt kaum Konzentration auf Einzelne zu. Als Ganzes betrachtet, ist diese Stadt eine Verschichtung von unterschiedlichsten Eindrücken, die sich weder offenbaren noch erklären. Eine Stadt, unendlich viele Geschichten und noch mehr Geheimnisse.
Die Arbeit Driving / Telling ist ein Versuch, dieser Unvermittelbarkeit und Anonymität entgegenzusteuern; die Stadt als Ort vieler Orte aufzubrechen. Das Taxi dient hier als Ausgangspunkt für die kleinste Einheit eines Ortes. Ein abgeschirmter Raum und doch verknüpft mit der Aussenwelt. Ein Raum, aus dem erzählerisch ausgebrochen wird, um in die Tiefen einer Stadt einzudringen, sich ihr mit persönlichen Geschichten zu nähern, die der groben städtischen Kulisse Leben einflössen.

Die Geschichten der Fahrer sind hier keine Zeitfüller im immer wieder stockenden Fluss der Fahrt, keine der unversiegenden Quellen für neue Gerüchte. Nein, ihre Person ist gefragt; der Dienstleistungsauftrag wird umgekehrt: Nicht das Ziel das Fahrgastes ist das Ziel, sondern ein Ort, der dem Fahrer von Bedeutung ist. Sie heissen Mustafa, Mohammed, Mamdouh oder Ali und Youssef wie viele andere auch. Hinter jedem Namen verbirgt sich eine individuelle Lebensgeschichte, die sich mit kleinen Varianten tausendfach multiplizieren lässt.
Aus der Topografie ihres Lebens greifen die Taxifahrer auf Ereignisse aus Kindheitstagen zurück, gescheiterte und vergangene Lieben, geteilte Sorgen im Alkoholrausch und Stationen einer Flucht. Die Fahrten werden zu narrativen Reisen in die Vergangenheit. Sie sind geknüpft an Orte, die sich über die sichtbare Bestimmung hinaus in Schweigen hüllen, für die Fahrer aber subjektiv und emotional aufgeladen sind. Der Ort der Destination wird hier nicht überprüft, sondern eher aufgehoben, indem er hinter die erzählte Geschichte zurücktritt und somit von ihr abgelöst wird.
Symbolisch stehen diese Orte für prägende Erlebnisse, die das Leben beeinflussen und sich festgesetzt haben. Die Erinnerung hat einen Ort im Gedächtnis. Nicht die Präzision des Tatsächlichen wird durch sie wieder hervorgeholt, sondern die veränderte Wahrnehmung im Spiegel der Gegenwart. Schematische Skizzen enthüllen individuelle Geschichten in einer fremden Stadt, geben einen kleinen Teil ihrer Geheimnisse preis. Diese biografischen Splitter Einzelner offenbaren, was unsichtbar in die vordergründig anonyme Urbanität eingeschrieben ist, und verleihen ihr schicksalhafte, menschliche Züge.
Das Wiederaufsuchen von Orten der Vergangenheit kann ein quälender Moment sein, aber auch ein heilender. Orte selbst verändern sich im Laufe einer urbanen Entwicklung und bleiben das, was sie einmal waren, nur in der Erinnerung. Anders verhält es sich mit Orten, die nicht an ein konkretes Ereignis der Vergangenheit geknüpft sind, sondern für die Erinnerung errichtet wurden.
Mohammed lebt mit den Geistern der Vergangenheit. Durch die täglichen Besuche auf dem Friedhof vergewissert er sich der Nähe zu seiner verstorbenen Frau. Aus der Erinnerung an sie schöpft er seine Lebenskraft.
Die Stadt der Toten in Kairo ist nicht nur ein Ort der Verstorbenen. Leute aus ländlichen Gebieten und arme Städter haben sich dort niedergelassen und improvisierte Wohnstrukturen aufgebaut. Die Menschen, die dort leben, sind Hüter der Gräber und der Toten. In Gesprächen leben die Geschichten der Verstorbenen wieder auf, vermischen sich mit ihren eigenen – an einem Ort, den sie miteinander teilen.
Wenn Youssef auf dem Weg zur Sayyidna-Al-Hussein-Moschee ist, bereitet er sich auf einen Moment des inneren Friedens vor. Wie für viele andere Gläubige von nah und fern hat für ihn ein Gebet in der unmittelbaren Nähe des Reliquienschreins, in dem der Legende nach der Kopf von Al-Hussein, dem Enkel des Propheten, aufbewahrt ist, eine spezielle Intensität. Hier tritt er in Kontakt mit höheren Mächten, weiss sich aufgehoben in der göttlichen Fügung. Der spirituelle Ort bietet Raum und ist Quelle für Ruhe und neue Kraft in dem von Hast und Sorgen getriebenen Leben. An Festtagen ist er besonders energetisch aufgeladen. Zu Beginn des Ramadans und an den Geburtstagen von Mohammed und Hussein finden sich tausende von Menschen auf dem Platz vor der Moschee ein. Mit bunten Lichtern, lauter Musik und rituellen Gebeten wird der Glaube an diesem heiligen Ort zelebriert. So immateriell Glauben auch ist, so materiell findet er eine Form in der symbolischen Umsetzung. Von den Moscheen, den heiligen Orten, strahlt das «baraka» aus, jener Segen, in dessen wellenförmigem Verbreitungsradius sich Menschen göttliche Abhilfe und Wunder erhoffen – für sich selbst und für die Menschen, an die sie denken und sich erinnern.

Driving/Telling, 2007
Installation
Video, 5-Kanal, Ton
Sprache: Arabisch
Untertitel: Englisch
Übersetzung: Shahira Eissa

Text: Rayelle Niemann
Eine Fahrt im Taxi ist in Kairo unumgänglich, es ist eine Selbstverständlichkeit, sich so von Ort zu Ort zu bewegen. Eine Fahrt im Taxi verbindet den Fahrer und den Gast für eine begrenzte Dauer in einer fahrenden Zeitkapsel, die oft die Atmosphäre eines privaten Raumes hat. Der Teppich auf dem Armaturenbrett, vom Rückspiegel baumelnde Gebetsketten, Abziehbilder von Mekka am Handschuhfach, Fotos der Kinder zwischen Kleenex und Plastikblumen zeugen vom Leben des Fahrers. Koranrezitationen, klassische arabische Musik oder Pop schallen einem beim Einsteigen entgegen und runden akustisch diese kleine Einheit ab, die für den Fahrer während tagtäglichen endlosen Stunden ein Zuhause ist.
Die Stadt zieht vorbei. Der Blick aus dem Fenster gleicht einem Film, der den Titel Mega City trägt und in dem Szenen widersprüchlichster Art aufeinander folgen.
Vorstellungskraft und Phantasie malen kräftige Farben zwischen und auf das Braun der Häuser, hauchen den wuselnden Menschen Geschichten ein. Ein Aufbäumen gegen eine abweisende
urbane Architektur, gegen die Unmöglichkeit, Millionen von Leben zu erfassen. Kairo lässt kaum Konzentration auf Einzelne zu. Als Ganzes betrachtet, ist diese Stadt eine Verschichtung von unterschiedlichsten Eindrücken, die sich weder offenbaren noch erklären. Eine Stadt, unendlich viele Geschichten und noch mehr Geheimnisse.
Die Arbeit Driving / Telling ist ein Versuch, dieser Unvermittelbarkeit und Anonymität entgegenzusteuern; die Stadt als Ort vieler Orte aufzubrechen. Das Taxi dient hier als Ausgangspunkt für die kleinste Einheit eines Ortes. Ein abgeschirmter Raum und doch verknüpft mit der Aussenwelt. Ein Raum, aus dem erzählerisch ausgebrochen wird, um in die Tiefen einer Stadt einzudringen, sich ihr mit persönlichen Geschichten zu nähern, die der groben städtischen Kulisse Leben einflössen.

Die Geschichten der Fahrer sind hier keine Zeitfüller im immer wieder stockenden Fluss der Fahrt, keine der unversiegenden Quellen für neue Gerüchte. Nein, ihre Person ist gefragt; der Dienstleistungsauftrag wird umgekehrt: Nicht das Ziel das Fahrgastes ist das Ziel, sondern ein Ort, der dem Fahrer von Bedeutung ist. Sie heissen Mustafa, Mohammed, Mamdouh oder Ali und Youssef wie viele andere auch. Hinter jedem Namen verbirgt sich eine individuelle Lebensgeschichte, die sich mit kleinen Varianten tausendfach multiplizieren lässt.
Aus der Topografie ihres Lebens greifen die Taxifahrer auf Ereignisse aus Kindheitstagen zurück, gescheiterte und vergangene Lieben, geteilte Sorgen im Alkoholrausch und Stationen einer Flucht. Die Fahrten werden zu narrativen Reisen in die Vergangenheit. Sie sind geknüpft an Orte, die sich über die sichtbare Bestimmung hinaus in Schweigen hüllen, für die Fahrer aber subjektiv und emotional aufgeladen sind. Der Ort der Destination wird hier nicht überprüft, sondern eher aufgehoben, indem er hinter die erzählte Geschichte zurücktritt und somit von ihr abgelöst wird.
Symbolisch stehen diese Orte für prägende Erlebnisse, die das Leben beeinflussen und sich festgesetzt haben. Die Erinnerung hat einen Ort im Gedächtnis. Nicht die Präzision des Tatsächlichen wird durch sie wieder hervorgeholt, sondern die veränderte Wahrnehmung im Spiegel der Gegenwart. Schematische Skizzen enthüllen individuelle Geschichten in einer fremden Stadt, geben einen kleinen Teil ihrer Geheimnisse preis. Diese biografischen Splitter Einzelner offenbaren, was unsichtbar in die vordergründig anonyme Urbanität eingeschrieben ist, und verleihen ihr schicksalhafte, menschliche Züge.
Das Wiederaufsuchen von Orten der Vergangenheit kann ein quälender Moment sein, aber auch ein heilender. Orte selbst verändern sich im Laufe einer urbanen Entwicklung und bleiben das, was sie einmal waren, nur in der Erinnerung. Anders verhält es sich mit Orten, die nicht an ein konkretes Ereignis der Vergangenheit geknüpft sind, sondern für die Erinnerung errichtet wurden.
Mohammed lebt mit den Geistern der Vergangenheit. Durch die täglichen Besuche auf dem Friedhof vergewissert er sich der Nähe zu seiner verstorbenen Frau. Aus der Erinnerung an sie schöpft er seine Lebenskraft.
Die Stadt der Toten in Kairo ist nicht nur ein Ort der Verstorbenen. Leute aus ländlichen Gebieten und arme Städter haben sich dort niedergelassen und improvisierte Wohnstrukturen aufgebaut. Die Menschen, die dort leben, sind Hüter der Gräber und der Toten. In Gesprächen leben die Geschichten der Verstorbenen wieder auf, vermischen sich mit ihren eigenen – an einem Ort, den sie miteinander teilen.
Wenn Youssef auf dem Weg zur Sayyidna-Al-Hussein-Moschee ist, bereitet er sich auf einen Moment des inneren Friedens vor. Wie für viele andere Gläubige von nah und fern hat für ihn ein Gebet in der unmittelbaren Nähe des Reliquienschreins, in dem der Legende nach der Kopf von Al-Hussein, dem Enkel des Propheten, aufbewahrt ist, eine spezielle Intensität. Hier tritt er in Kontakt mit höheren Mächten, weiss sich aufgehoben in der göttlichen Fügung. Der spirituelle Ort bietet Raum und ist Quelle für Ruhe und neue Kraft in dem von Hast und Sorgen getriebenen Leben. An Festtagen ist er besonders energetisch aufgeladen. Zu Beginn des Ramadans und an den Geburtstagen von Mohammed und Hussein finden sich tausende von Menschen auf dem Platz vor der Moschee ein. Mit bunten Lichtern, lauter Musik und rituellen Gebeten wird der Glaube an diesem heiligen Ort zelebriert. So immateriell Glauben auch ist, so materiell findet er eine Form in der symbolischen Umsetzung. Von den Moscheen, den heiligen Orten, strahlt das «baraka» aus, jener Segen, in dessen wellenförmigem Verbreitungsradius sich Menschen göttliche Abhilfe und Wunder erhoffen – für sich selbst und für die Menschen, an die sie denken und sich erinnern.